Sonderausstellung "Vorsicht Hochspannung. Der elektrische Unfall – eine Klasse für sich"

23. Juni 2026
Die Ausstellung widmet sich der Elektropathologie: Von ihrer historischen Entwicklung in Wien und den Auswirkungen des Stroms auf den menschlichen Körper spannt sich der Themenbogen über Prävention und Erste Hilfe bis hin zu medizinischen Behandlungsmethoden, Fallgeschichten und Stromunfällen im nationalen sowie globalen Kontext.
Bekannt ist das Phänomen der Elektrizität seit der Antike, erste gezielte Versuche dazu wurden im 17. Jahrhundert unternommen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert hielt der Strom Einzug in die Städte: Glühbirnen, elektrische Straßenbahnen und Leuchtreklamen veränderten den Alltag grundlegend. Viele Menschen wussten jedoch nicht sicher mit dieser neuen Energie umzugehen, was zu zahlreichen Unfällen führte.
 
In den frühen Jahren der Elektrifizierung fehlten geeignete Elektroschutz-Einrichtungen wie Isolierung, Sicherung und Erdung. Entsprechend häufig kam es zu schweren Unfällen in Haushalt und Industrie. Ein einheitliches medizinisches Konzept zur Behandlung existierte nicht; viele Elektrounfälle wurden aus heutiger Sicht falsch behandelt. Zu den Pionieren, die begannen, die Wirkungen des Stroms systematisch zu erforschen, zählte Samuel Jellinek (geb. 1871 in Prerau, Mähren, gest. 1968 in Edinburgh, Schottland). Ein entscheidender Meilenstein war das Erkennen des "elektrischen Scheintods" und der Möglichkeit einer erfolgreichen Wiederbelebung.
 

Medizinische Stromwirkungen im menschlichen Körper 

Wie Strom auf den menschlichen Körper wirkt, erkannte man durch Untersuchung von Stromunfällen sowie durch gezielte Experimente (unter anderem von Samuel Jellinek). Dabei zeigte sich, dass elektrische Einwirkungen charakteristische Verletzungen hervorrufen. Typisch ist die sogenannte Strommarke – eine lokale Hautveränderung an Ein- oder Austrittsstellen des Stroms. Diese unterscheidet sich deutlich von thermischen Verbrennungen und verläuft meist ohne Infektion. Besonders gefährlich ist das Herzkammerflimmern: Der Herzmuskel gerät aus dem Rhythmus, lebenswichtige Pumpbewegungen bleiben aus. Ohne rasche Defibrillation führt dies häufig zum Tod.
 
Darüber hinaus kann der Strom das Gewebe stark schädigen. Die Erwärmung führt zu Verbrennungen, im Körperinneren auch zur Zerstörung des Gewebes, zum Verkochen oder sogar zum Verkohlen. In schweren Fällen kommt es durch plötzliche Energieeinwirkung zu regelrechten Gewebe-Explosionen. Diese medizinischen Folgen zeigen die enorme Gefahr elektrischer Einwirkungen auf den menschlichen Organismus.
 
Lange Zeit wurden Opfer von Stromunfällen vorschnell für tot erklärt – ohne Wiederbelebungsmaßnahmen, da Herzkammerflimmern als unheilbar galt. Erst nachdem Samuel Jellinek das Prinzip des "elektrischen Scheintods" erkannt hatte, zeigte sich, dass konsequente Reanimation Leben retten kann.
  

Prävention durch Wissen und Technik

Samuel Jellinek erkannte schon früh die Notwendigkeit, Wissen zur Verhütung von Stromunfällen einfach und unabhängig vom Bildungsgrad zu vermitteln. Er illustrierte bzw. ließ Illustrationen von 132 potenziell tödlichen Unfallszenarien anfertigen, die 1931 veröffentlicht wurden. Ziel war es, Menschen zum eigenständigen "elektrohygienischen" Denken anzuleiten.
 
Neben Aufklärung spielen technische Maßnahmen eine zentrale Rolle. In Österreich wurde 1927 die "Nullung" bzw. Erdung eingeführt, bei der elektrische Ströme im Fehlerfall sicher abgeleitet werden. Später verbesserte der FI-Schalter den Personenschutz wesentlich. Heute regeln Normen, die z. B. vom Österreichischen Verband für Elektrotechnik entwickelt wurden, die Sicherheit elektrischer Anlagen.
 

Vom Stromunfall zum FI-Schutzschalter 

Der Wiener Physiker Gottfried Biegelmeier (1924–2007) spezialisierte sich auf Elektroschutz und Elektropathologie. Nach seinem Studium erkannte er bei seiner Tätigkeit in Prüfanstalten, dass gesetzliche Vorschriften allein keinen ausreichenden Schutz vor Stromunfällen bieten. Daher widmete er sich der Frage, wie gefährliche Berührungsströme technisch verhindert werden können. Durch seine Forschungen (auch durch Selbstversuche) gelang ihm der Nachweis, dass eine rasche Unterbrechung des Stromflusses lebensrettend ist.
 
Diese Erkenntnisse führten zur Entwicklung des Fehlerstromschutzschalters (FI-Schalter). Dieser vergleicht kontinuierlich den hin- und zurückfließenden Strom. Entsteht eine Differenz (etwa, wenn Strom über den menschlichen Körper abfließt), schaltet das Gerät den Stromkreis innerhalb von Millisekunden ab. Dadurch wird die Einwirkdauer des Stroms und damit das Risiko von schweren Verletzungen deutlich verringert.
  

Stromunfälle in Österreich – Risiko und Behandlung

Die medizinische Versorgung in Österreich ist sehr gut organisiert, die Rettungskette funktioniert zuverlässig und notwendige Maßnahmen werden rasch eingeleitet. Nach Hochspannungsunfällen ist eine stationäre Behandlung in jedem Fall notwendig. Aber auch nach Niederspannungsunfällen ohne akute Symptome wird eine ärztliche Abklärung mittels 12-Kanal-EKG empfohlen. Bei Auffälligkeiten, Bewusstseinsverlust, Vorerkrankungen, Schwangerschaft, anhaltenden Beschwerden, Verbrennungen oder Sekundärunfällen ist zumindest eine 24-stündige Überwachung erforderlich.
 
Am häufigsten kommt es im Rahmen von Bautätigkeiten zu Stromunfällen. Im österreichischen Bauwesen arbeiten mehr Menschen mit Migrationshintergrund als ohne; sie erbringen über 50 Prozent der Wertschöpfung der Branche. Daher sind statistisch Männer mit Migrationshintergrund in Österreich am häufigsten von Stromunfällen betroffen. Diese Entwicklung ist historisch gewachsen und steht im Zusammenhang mit der Anwerbung von Arbeitsmigrant*innen (sogenannten Gastarbeiter*innen) seit den 1960er Jahren.

In Österreich haben heute nahezu alle Menschen Zugang zu Elektrizität. Weltweit konnte der Prozentsatz durch internationale Zusammenarbeit in den letzten Jahrzehnten auf rund 92 gesteigert werden. Mit dem Ausbau der Elektrifizierung sind auch neue Risiken entstanden: Eine größere Anzahl von elektrischen Anlagen bedeutet auch ein größeres Potential für Stromunfälle. Daher ist neben entwicklungspolitischer Finanzierung auch präventive Bildungsarbeit für Laien und Fachkräfte erforderlich.


Die Sonderausstellung ist bis 24. April 2027 zu sehen.

Pressebilder zum Download finden Sie hier.

Rückfragehinweis:
Mag. Irina Kubadinow
Leitung Presse & Öffentlichkeitsarbeit, Pressesprecherin
Tel.: +43 (1) 521 77-410
irina.kubadinow@nhm.at

Mag. Klara Vakaj
Pressereferentin
Tel.: +43 (1) 521 77-626
klara.vakaj@nhm.at

Sonderausstellung "Vorsicht Hochspannung. Der elektrische Unfall – eine Klasse für sich"
© NHM Wien, Wilhelm Bauer-Thell

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Sonderausstellung "Vorsicht Hochspannung. Der elektrische Unfall – eine Klasse für sich"
© NHM Wien, Chloe Potter
Sonderausstellung "Vorsicht Hochspannung. Der elektrische Unfall – eine Klasse für sich"
© NHM Wien
  
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